ALINA SCHIERSTEDT
„Ein Bestand ist kein Hindernis, sondern der erste Entwurfspartner“
Aus Westfalen für Berlin: Alina Schierstedt ist seit 2023 bei OOW und arbeitet von Lippstadt aus mit dem Büro an der Torstraße. Im Interview erzählt sie, warum sie Architektin wurde, wie Distanz die Zusammenarbeit schärft und was alte Tragwerke über gutes Bauen wissen.
War Architektur eine Entscheidung oder ist es einfach so gekommen?
Beides. In der Schule konnte ich mich nie zwischen Kunst und Mathe entscheiden, und irgendwann hat mir jemand gesagt, dass es dafür einen Beruf gibt. Das erste Gebäude, das bei mir hängen geblieben ist, war kein berühmtes, sondern eine alte Scheune bei uns in Geseke, in der man das Tragwerk von innen sehen konnte. Dass ein Haus zeigt, wie es steht, hat mich mehr fasziniert als jede Fassade. Ausreden wollte es mir niemand, aber davor gewarnt, dass es ein langer Weg ist, haben mich einige.
Bachelor in Aachen, Master in Köln, Kammer erst in NRW, dann in Berlin: Wie bist du bei OOW gelandet?
Über Umwege, wie meistens. Nach dem Master in Köln wollte ich eigentlich im Rheinland bleiben, dann kam die Eintragung in die Kammer und mit ihr die Frage, wo ich wirklich arbeiten will. Berlin war lange ein Gedanke, kein Plan. Bei OOW hat mich überzeugt, dass hier Entwurf und Ausführung im selben Büro liegen und dass Projekte in ganz Deutschland laufen – ich musste also nicht in Berlin wohnen, um an Berliner Projekten zu arbeiten. Im April 2023 habe ich angefangen.
Zwischen Lippstadt und der Torstraße liegen gut 400 Kilometer. Wie sieht deine Arbeit mit dem Büro heute aus – und was funktioniert auf Distanz sogar besser?
Mein Tag beginnt mit dem Modell, nicht mit dem Postfach. Wir arbeiten in einem gemeinsamen 3D-Modell, und darin sehe ich morgens genau, was in Berlin am Vortag passiert ist. Abstimmungen sind kurz und terminiert, weil niemand mal eben am Schreibtisch vorbeigeht – das zwingt zu klaren Fragen und klaren Antworten. Was auf Distanz besser geht: konzentriert an einem Detail bleiben, ohne dass das Büro um einen herum rauscht. Was fehlt, ist der Blick über die Schulter; dafür bin ich regelmäßig in Berlin.
Was machst du, wenn ein Entwurf einfach nicht funktionieren will?
Ich zeichne ihn im Schnitt. Im Grundriss lässt sich vieles schönreden, im Schnitt nicht – da sieht man sofort, ob die Höhen, das Licht und das Tragwerk zusammenpassen. Wenn das nicht hilft, lege ich die Zeichnung weg und baue ein Arbeitsmodell aus Pappe. Meistens liegt das Problem an einer Stelle, die man am Bildschirm gar nicht angeschaut hat.
Deine Master-Thesis hieß „Neues Leben auf historischem Boden“ und befasste sich mit dem Quartier südlich des Kölner Doms. Was war das eigentliche Problem, das du lösen musstest?
Das Quartier liegt zwischen Dom, Museum und Bahnhof und wird täglich von Zehntausenden durchquert, aber kaum jemand bleibt dort. Die Aufgabe war nicht, etwas Neues hinzustellen, sondern die vorhandenen Schichten – römische Fundamente, Nachkriegsbauten, Verkehrsflächen – so zu ordnen, dass ein Ort entsteht, an dem man sich aufhalten will. Verteidigen würde ich bis heute die Entscheidung, den Bestand nicht zu überformen, sondern freizustellen. Anders machen würde ich die Erdgeschosszonen: zu viel Gastronomie, zu wenig Alltag.
Deine Vertiefung hieß „Strategien des Entwerfens und Konstruierens“, dazu Baugeschichte und historische Tragwerke. Welche alte Bautechnik würdest du gern wieder einsetzen?
Das Gewölbe. Ein Kappengewölbe oder eine flache Ziegelschale trägt mit erstaunlich wenig Material erstaunlich viel, und man kann es nach hundert Jahren immer noch reparieren, weil jeder Stein einzeln zugänglich ist. Der Aufwand lohnt sich, weil wir heute Konstruktionen brauchen, die lange halten und sich zurückbauen lassen – genau das können die alten Techniken besser als vieles, was wir als modern bezeichnen.
Schnellrunde: Grundriss oder Schnitt? Beton oder Holz? Skizze oder Modell? Aachen oder Köln?
Schnitt. Holz – mit einem guten Betonsockel. Modell. Köln, aber die Mensa in Aachen.
Vervollständige den Satz: „Bis zu meinem zehnten Jahr bei OOW möchte ich …“
… ein Bestandsgebäude von der ersten Bauaufnahme bis zur Übergabe verantwortet haben – und danach noch einmal hingehen und sehen, wie es benutzt wird.
Häufige Fragen
Wo hat Alina Schierstedt studiert?
Wie arbeitet Alina Schierstedt mit dem Berliner Büro zusammen?
Womit hat sie sich in ihrer Master-Thesis befasst?
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